© 2019 by Sabine Thoma

LICHT

& SCHATTEN

Einreichung: WortReich Kurzgeschichtenwettbewerb 2019

Schreibimpuls: Licht & Schatten

Freitag

Es ist noch früh, alles wie immer. Vielleicht ein bisschen anders. Heute ist sie besonders müde, befreit von Gedanken. Und leicht. Das ist anders. Müde ist sie vom Mix aus Gedanken und Tropennacht. Die halten sie wach. Die Gedanken und die Tropennacht. Die nimmt einfach die Stadt ein, als würde sie schon längst ihr gehören. Leicht ist sie von der Gedankenlosigkeit, die die Müdigkeit mitbringt. Paradox. Gedanken am Anfang des Tages sind für sie wie Gedanken in einer Tropennacht. Viel zu schwer. Aber heute ist alles leicht.

Derselbe Tag. Bei ihm wirklich alles so wie immer. Müder, freier Kopf, die Lungen voller Teer. Der Rauch und die Morgensonne helfen. Die Sonne blendet ihn, aber das ist egal. Schön ist das, ganz angenehm. Später wird es heiß werden. Was der Tag bringen wird weiß er jetzt nicht. Ist ihm auch egal. Darüber denkt man nicht nach. Oder er tut es einfach nicht. Er ist so frei wie die losen Zigaretten im Softpack in der Hinterntasche. Alles gut.

Es ist Freitag. Die Köpfe sind leer und die Straßen voll. Sonnig ist es. Da wo sie ist und da wo er ist. Später ist es immer noch heiß vom Tag. Der Asphalt aufgeheizt, die Straßen eng, enger als sonst. Die Häuserfassaden berühren auf jeden fall den roten Abendhimmel. Wie immer nach einem heißen Sommertag. Abendessen fällt schwerer bei der Hitze. Aber man kommt zusammen. Trinken ist einfacher. Sie kommen zusammen.

Die Nacht ist schon ein bisschen angenehmer. Draußen. Drinnen ist noch die Luft vom Tag. Und die steht während alle schon tanzen. Der Rauch lässt es aussehen, als würde sie trotzdem langsam mittanzen wollen. Beide tanzen, sie und er. Wie alle. Die Gedanken nehmen zu. Wie vor dem Einschlafen. An Schlafen denkt noch niemand. Wieder paradox. Aber leicht.

Die Haut wird von Schweiß und Wind gekühlt. Die Lungen abwechselnd von frischer Luft und Nikotinrauch gefüllt. Zufrieden und die Müdigkeit schon längst vergessen, so stehen sie da. Sie schauen weiter hinaus als sie je gedacht hätten. Fast verlieren sie sich in ihnen, aber das wäre zu schade. Die Luft ist auf einmal viel präsenter als unten zwischen Beton und Lärm. Die Pause tut gut. Hoch oben rasen die Gedanken.

Noch nie waren rasende Gedanken so schön. Noch nie war etwas so klar. Wie sie. Sie und er. Als wäre es nie anders gewesen. Als wäre alles nie anders gewesen.

Die rasenden Gedanken sind auf einmal weg. Wie Stunden vorher, bevor der Tag sich aufgeheizt hat. Die Pause hat gut getan. Die Zeit tut gut. Die Nacht wird immer länger. Sommernächte sind unglaublich lang. Dass sie heute zu müde war für Gedanken weiß sie gar nicht mehr. Er könnte es nicht einmal wissen. Zusammen wissen sie nichts, aber eines wissen sie beide. Sobald sie es sagen, ist es echt. Es war schon die ganze Zeit echt.

Die Gedanken weg, der Kopf ist klar. Auf einmal so angenehm klar wie die kalte Dusche gestern in der Tropennacht. Nur diesmal sind ihre Gedanken wirklich weggespült. Nicht so wie letzte Nacht. Diese Nacht ist das anders. Nichts passiert, weil es muss. Es passiert einfach. Das tut gut. Alles ist so gut.

Der Kopf so frei, die Zeit so egal. Die Tage so heiß, die Nächte so unendlich. Die Sonne so tief, die Schatten so lang. Das Wasser so kühl, die Zigaretten so süß. Die Blicke so tief, die Worte so echt.

Der Kopf so frei, die Zeit so egal.

Wann der Tag die Nacht letztendlich überwunden hat wissen sie nicht. Sie denken auch nicht daran, das ist einfach so passiert. Wann aus Schatten Licht wird, weiß man auch erst, wenn man es sieht. Erst wenn man sieht, wie sich das Licht durchkämpft. Als hätte es nie was anderes gemacht. Erst wenn man merkt, wie grau alles war, bevor das Licht da war. Wie grau und leer. Wann der Tag die Nacht überwunden hat, wissen sie jetzt. Jetzt, wo die Nacht schon so weit weg ist und der Morgen sie küsst. Wie er.

Sobald das Licht da ist, ist es leicht den Schatten zu vergessen. Bis man sich erinnert, dass sie sich brauchen. Der Schatten und das Licht. Wie die Nacht und der Tag. Wie der Wind und der Schweiß. Wie die Luft und der Rauch. Wie die Gedankenlosigkeit und die Müdigkeit. Wie die Blicke und die Küsse. Wie er und sie.

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